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1 Welt-ETF reicht: Jeder weitere ETF ist eine Wette und kann sogar die Streuung reduzieren

Häufig führe ich die Diskussion, ob man mit nur einem Aktien-ETF überhaupt ausreichend diversifiziert sein kann. Um zu verstehen, warum das der Fall ist, müssen wir Inhalt und Verpackung eines Finanzproduktes unterscheiden.

Mit Fruchtgummi den Unterschied zwischen Inhalt und Verpackung erklären

Stell dir vor, du erwartest Besucher. (Und in diesen Zeiten ist es leider auch nur eine Vorstellung)

Du weißt, deine Besucher essen gerne Fruchtgummis, allerdings nicht, welche Sorte sie bevorzugen. Daher kaufst du einfach eine große Box gemischtes Fruchtgummi. Da wird garantiert für jeden etwas dabei sein.

Alternativ kannst du auch einzelne Tüten kaufen: Gummibärchen, Cola-Flaschen, Tropenfrucht, Kirschen, Frösche, etc.

Bei der ersten Variante hast du einen Mix aus allem. Bei der Zweiten erstellst du eine eigene Mischung aus den einzelnen Tüten.

Wer einen breitgestreuten ETF kaufen möchte, der kann quasi eine große Box gemischtes kaufen. Da ist von allen Sorten etwas dabei. Während bei Fruchtgummis der Inhalt recht gut eingeschätzt werden kann, ist das bei ETFs allerdings etwas schwieriger.

Die Mischungen der ETF Branche

Nutzen wir weiter unser Fruchtgummi, um zu verstehen wie die ETF-Branche ihre Produkte gestaltet.

Stellen wir uns vor, die Farben des Fruchtgummis bestimmen die Branche. Die verschiedenen Produkte wie Gummibärchen, Tropenfrucht, etc. sind z.B. die Länder. Industrie- und Schwellenländer werden durch Fruchtgummi und Lakritz unterschieden.

Die ETF Branche mischt nun nach bestimmten Kriterien die Süßigkeiten und stellt sie entsprechend verpackt dem Käufer zur Verfügung. Der Mix der Süßigkeiten wird in der ETF-Branche Index genannt.

Schauen wir uns den hierzulande bekanntesten Index, den DAX, an. Übertragen auf unsere Süßigkeiten ist der Dax eine kleine Tüte Gummibärchen. Die Gummibärchen stehen hier für die 30 größten deutschen Unternehmen, die Farben für die verschiedenen Branchen.

Der Dax

Stellen wir uns vor, die Farbe Rot steht für Technologieunternehmen und Grün für Automobilwerte. Wollen wir nun alle deutschen Technologiewerte, dann stellt der ETF-Anbieter eine Tüte mit roten Gummibärchen zusammen. Bei Automobilwerten eine Tüte mit grünen Gummibärchen.

Wie man sich vorstellen kann, gibt es unzählige Kombinationen der Zusammenstellungen. Da verwundert es nicht, dass es Tausende ETFs gibt.

Nun haben ETFs nicht so schöne Namen wie Fruchtgummi-Mischungen. Wer z.B. die große Tüte Gummibärchen (alle deutschen Unternehmen) haben möchte, könnte den folgenden ETF nehmen:

Vanguard Germany All Cap UCITS ETF Distributing (ISIN IE00BG143G97, WKN A2JF6S)

Wer eine Mischung von bunten Bio-Gummibärchen haben möchte und auf nachhaltige deutsche Unternehmen setzt, könnte auf das folgende Produkt zurückgreifen:

Deka MSCI Germany Climate Change ESG UCITS ETF (ISIN DE000ETFL540, WKN ETFL54)

Das war nur eine kleine Auswahl von Mischungen, die es im ETF Markt gibt.

Alle Süßigkeiten in eine Box

Es gibt auf dem Markt drei Mischungen (Indizes), die die Weltwirtschaft sehr gut abdecken. Diese Mischungen werden teilweise von verschiedenen Anbietern zusammengestellt. In unserer Fruchtgummi-Welt könnten das z.B. Haribo und Katjes sein. In der ETF Welt heißen die Anbieter iShares, Vanguard, Lyxor, Deka, DWS, etc.

Wer also eine Box gemischtes mit nahezu allen Sorten haben möchte, der kann auf die folgenden drei Mischungen (Indizes) zurückgreifen:

  • MSCI ACWI (All Country World Index): Enthält ca. 3.000 Unternehmen weltweit. Zusätzlich zu den Industrieländern auch die sog. Schwellenländer
  • MSCI World IMI: Enthält über 9.000 Unternehmen der weltweit investierbaren Unternehmen (anders als die oberen beiden auch kleinere Unternehmen)
  • FTSE All World: Ähnlich wie der MSCI ACWI – nur ein anderer Indexanbieter

Der vielleicht bekannteste internationale Index MSCI World fehlt in dieser Auflistung. Wir schauen uns im nächsten Abschnitt an, warum das so ist.

Diese drei Mischungen (Indizes) decken die Weltwirtschaft ab. Weitere Mischungen sind aus Gründen der Diversifikation nicht notwendig.

Das Schöne an den Mischungen ist, dass neue Produkte automatisch aufgenommen werden und alte nicht mehr nachgefragte Produkte automatisch verschwinden.

Auf die ETFs übertragen heißt das, das Wirecard den Index verlässt während das neue Amazon (welches wir heute noch nicht kennen), automatisch aufgenommen wird. Der Käufer braucht sich hier um nichts zu kümmern.

Wer also eine Mischung aller Unternehmen haben möchte, die in ihrer Gesamtheit die Weltwirtschaft abbilden und wer sich nicht ständig um diese Mischung kümmern möchte, der investiert einfach in einen der oben genannten Indizes und braucht sich nicht weiter zu kümmern.

Der Welt-ETF (Photo by Luis Aguila on Unsplash

Selbst mischen kann die Streuung reduzieren

Wer selbst mischen möchte, der hat etwas mehr Arbeit und Pflegeaufwand. Er muss auch verstehen welchen Inhalt die jeweiligen Tüten haben, ansonsten kann die Diversifikation sogar leiden.

Beispiel: Du kaufst zu 50% den Weltindex FTSE All-World und zu 50% den DAX. Erhöhst du damit deine Streuung oder verringerst du sie?

Schauen wir uns wieder das Fruchtgummi-Beispiel an. Du kaufst also die gemischte Box und schüttest dazu dieselbe Menge Gummibärchen. Du wirst jetzt mehr als 50% Gummibärchen in deiner Box haben, da in der gemischten Box ja auch schon Gummibärchen waren. Sollten ausgerechnet die Gummibärchen von niemandem verzerrt werden, dann hast du plötzlich über 50% Fruchtgummi, welches nicht nachgefragt wird.

In diesem Fall reduzierst du mit einem zweiten ETF deine Streuung.

Was hat es mit der 70/30 oder 80/20 auf sich

Stellen wir uns vor, deine Besucher sind sehr international. Die gesamte Runde bevorzugt zu knapp 57% Fruchtgummi der Sorte Color-Rado (was für den Anteil US-Unternehmen im Weltindex steht). Die bei uns beliebten Gummibärchen werden dabei nur zu 2,4% nachgefragt (was für den Anteil deutscher Unternehmen im Weltindex steht). Eine optimale Mischung enthält also die Anteile der Sorten entsprechend ihrer Nachfrage.

Eine sogenannte marktkapitalisierte Gewichtung entspricht dem Mischverhältnis der Nachfrage der Unternehmen an der Börse.

Nun wird nicht nur Weingummi, sondern auch Wein ohne Gummi verkonsumiert und die Bekannten werden etwas redseliger. Das Gespräch führt auf das Thema Gehalt. Ihr bekommt heraus, dass auf die Besucher aus den sog. Industrieländern ca. 70% des Gesamtgehalts der Runde entfallen. 30% entfallen auf die Besucher aus den sog. Schwellenländern.

Nun wird allerdings nur ein Anteil von knapp 12% an Lakritz konsumiert, was in unserem Beispiel für den Anteil der Schwellenländer im Weltindex steht.

Die Wirtschaftskraft der Schwellenländer-Fraktion steht also bei 30%, der Konsum ihrer entsprechenden Sorte aber nur bei 12%. Die Wette der 70/30-Fraktion ist jetzt, dass Lakritze in Zukunft mehr nachgefragt werden.

Die 70% und die 30% symbolisieren im oberen Beispiel das Bruttoinlandsprodukt (BIP) – also die jeweiligen Anteile der Industrieländer und der Schwellenländer an der Gesamtwirtschaft. Wer also die Weltwirtschaft im Portfolio haben möchte – so die Überlegung – der orientiert sich an das jeweilige Bruttoinlandsprodukt, statt an der Marktgewichtung (Größe der Unternehmen).

Das ist eine Wette und sie kann gut gehen (Unternehmen aus Schwellenländern entwickeln sich in der Zukunft besser als die Industrieländer) oder eben nicht.

Unabhängig von dieser Wette wird das Mischverhältnis unserer fertig gemischten Box (also unser Welt-ETF) z.B. in 20 Jahren exakt der Nachfrage entsprechen. Sollten also die Unternehmen der Schwellenländer in Zukunft besser laufen, dann wird automatisch der Lakritz Anteil in unserer Box erhöht. Dafür sorgt der Indexanbieter automatisch.

Hier kommt nun auch der bekannte Index MSCI World ins Spiel. Der MSCI World enthält gar keine Lakritze (Schwellenländer). Sollte der Anteil der Schwellenländer zukünftig steigen, dann ist man mit einem MSCI-World alleine nicht dabei.

Die BIPler müssen am Ball bleiben und ihr Portfolio händisch der Wirtschaftslage anpassen. Streng genommen wäre die Gewichtung bereits eher 60/40, da die Schwellenländer mittlerweile knapp 40% der weltweiten Wirtschaftsleistung innehaben.

Es gibt einige Robo-Advisor, die ihr Portfolio nach der BIP-Gewichtung zusammenstellen. Da der Aufwand aber höher ist als bei einer reinen Markkapitalisierung, sind sie meist auch teurer.

Fazit

Für den Privatanleger, der sich nicht um sein Portfolio kümmern möchte, ist die 1-ETF Lösung auf Basis einer der drei Welt-Indizes die einfachste und aufwandsärmste Möglichkeit von der Weltwirtschaft und zukünftigen Entwicklungen zu profitieren.

Wer selbst gewichten möchte, der sollte sich gut mit dem Inhalt der ETFs auseinandersetzen. Bei einer ungünstigen Zusammenstellung kann sich die Diversifikation sogar reduzieren.

Es bietet sich immer an den Welt-ETF als Basis im Depot zu haben und dann mit weiteren ETFs eigene Gewichtungen zu realisieren.

So könnte das 70/30-Portfolio auch mit 80% FTSE All-World/MSCI ACWI (enthält bereits etwa 12% Schwellenländer) und 20% FTSE Emerging Markets/MSCI Emerging Markets realisiert werden. Hier ist dann sehr transparent, dass die zusätzlichen ETFs einen bestimmten Markt übergewichten.

Also, mit einem Welt-ETF kannst du immer anfangen und zwar sofort. Bei Bedarf kannst du dann deine individuelle Gewichtung immer noch durch zusätzliche ETFs optimieren.

Beitragsbild von Alexas_Fotos auf Pixabay

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6 Gedanken zu „1 Welt-ETF reicht: Jeder weitere ETF ist eine Wette und kann sogar die Streuung reduzieren

  1. Moin Andrée

    danke fuer die schoenen Fruchtgummis 😉

    Fuer Anfaenger ist eine 1 ETF-Loesung (MSCI ACWI, – IMI, Vang.All World) ein super Einstieg.

    Zwei Punkte die mich pers. daran stoeren:
    Teurer
    1) weniger AUM > weniger Konkurrenz > weniger Druck auf die Kosten (TER 0,4-0,6% p.a.) > weniger Druck, die Trackingdifferenz(TD) gering zu halten

    Klumpiger
    2) wegen Komplexitaet machen alle mehr oder weniger optimiertes Sampling (auch Vanguard). D.h. ich habe gar KEINE DIVERSIFIKATION wie gedacht, sondern delegiere die Diversifikation an die Produktanbieter (Fonds-Gesellschaften) und HOFFE die Index-Rendite trotzdem zu vereinnahmen. Das kann gut gehen oder aber weniger gut (etw Renditeverlust/hoehere TD gegenueber Index).

    Deshalb finde ich pers. am Besten:
    Nur 1 ETF?
    dann MSCI World (Mut zur Luecke: ohne EM und SmallCaps), hoher Wettbewerb, geringe Kosten, geringe TD
    oder Vang. All World (mit EM, kaum SmallCaps)

    Zwei ETFs?
    dann MSCI World und MSCI EM(Imi) (ohne SmallCaps) hier war bisher der iSh Core EM IMI der beste bezueglich TD.

    Drei ETFs? dann noch den MSCI WORL SmallCap hinzunehmen (SPDR oder iSh)

    Dann habe ich wirkliche(physische) Diversifikation bei geringeren TERs und TDs aber halt mehr Aufwand.
    Bei mir zZ ca. 60% World 20% EM 20% SmC

    LG Joerg

    1. Moin Joerg,

      mehr als ein ETF ist mir einfach zu anstregend. 🙂 Deswegen bin ich mit dem FTSE All-World eine „Ehe“ eingegangen. Und wie das bei Ehen so ist: Man tut das im Allgemeinen für die Ewigkeit. Und jeder Partner hat so seine Ecken und Kanten – das gehört dazu.

      Gruß
      Andree

      1. Gute Wahl, ist voll OK. Wenn, dann wuerde ich die thesaurierende Var. nehmen.
        Und halt ein alle 15-20% Plus in ein neues Depot sparen/Depotuebertragungen machen, wegen Kursgewinnleiter-Aufbau.
        LG Joerg

  2. Hallo Joerg,
    sehr gut lesbarer Artikel. Die Analogie zur Feier mit den Fruchtgummis und Konsumgewohnheiten trifft die Unterscheidung zwischen BIP-Gewichtung und Marktkapitalisierung auf den Punkt.
    Ich persönlich habe mich auch aus genannten Gründen Anfang des Jahres gegen meine ursprüngliche 70/30-Aufteilung entschieden und bin die „Ehe“ mit dem FTSE-All-World eingegangen. Bei 0,22% TER das All-Inclusive-Paket 🙂
    LG Dennis

  3. Danke für den Artikel, wurde mir über Google News in den Feed gespült und hat mir sehr gefallen.

    Ich stehe noch am Anfang meiner „Anleger-Karriere“ und habe zusätzlich zum ACWI noch einen Technologie-lastigen ETF mit dabei. Da gibt es natürlich Überschneidungen mit dem ACWI und es geht auch hier in Richtung „Wette“ bzw. aktives Investieren.

    Wenn ich aber nun überzeugt bin, dass die Tech-Unternehmen den Markt outperformen werden – ist dann ein Tech-ETF eine gute Möglichkeit mit dem ich wenigstens innerhalb dieser Industrie-Wette mein Investment streue?

    Beste Grüße aus Hamburg,
    Paul

    1. Moin Paul,

      mit einem zusätzlichen Tech-ETF gewichtest du den Tech-Sektor über. Wenn diese Überschneidung gewollt ist, dann spricht nichts dagegen. Und ja, ein breit gestreuter Tech-ETF diversifiziert dann innerhalb der Branche.

      Gruß
      Andree

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