VorsorgeAllgemein

So entscheidest du anhand der Standmitteilung deiner privaten Rentenversicherung, ob es sich lohnt weiter einzuzahlen

Jedes Jahr flattern die Standmitteilungen von privaten Rentenversicherungen in die deutschen Haushalte, werden zur Kenntnis genommen und abgeheftet.

Dieser Beitrag erläutert wie du die Werte aus deiner Standmitteilung interpretierst und nach welchen Kriterien du entscheiden kannst, ob sich der Vertrag für dich lohnt. Am Ende des Beitrags gibt es einen interaktiven Rechner, der dir entsprechende Indikatoren gibt.

Offizielle Schreiben von Unternehmen – vor allem wenn sie vom Gesetzgeber gefordert sind – erheben nicht gerade den Anspruch leicht konsumierbar zu ein. Dies ist auch bei der Standmitteilung der privaten Rentenversicherung nicht anders. Wenn die ersten Seiten mit zwar notwendigen aber sicherlich nicht spannenden Infos zu DSVGO oder irgendwelchen Versicherungsparagraphen gefüllt werden, dann geht schnell die Lust verloren und bis zu den eigentlich relevanten Informationen kommt man vieleicht gar nicht mehr.

Schatz, weißt du wo die Schlaftabletten sind? Nein, aber nimm doch einfach die Standmitteilung unserer Rentenversicherung, die hilft beim Einschlafen.

Es kann sich aber lohnen eine halbe Stunde zu investieren, um eine Indikation für die folgenden Möglichkeiten zu bekommen:

  • Vertrag weiterlaufen lassen
  • Vertrag beitragsfrei stellen
  • Vertrag kündigen

Die relevanten Informationen deiner Standmitteilung

Gabi hat 2003 eine private Rentenversicherung abgeschlossen. Ihr Schwiegersohn ist Finanz-Blogger, hat die Weltformel (ETFs) entdeckt und kein Vertrag ist vor seinen kritischen Augen sicher. Gabi hat ein wenig die Sorge, dass ihr Schwiegersohn Haus & Hof veräußern und die Erlöse komplett in diesen komischen Welt-ETF stecken möchte.

Ihr Schwiegersohn schaut sich die Standmitteilung kritisch an und extrahiert die folgenden wesentlichen Informationen:

InformationWert
Stand des Vertrags01.07.2020
Rentenbeginn laut Vertrag01.07.2024
monatliche Einzahlung150 €
Garantierte monatliche Gesamtrente204,10 €
Garantierte einmalige Kapitalzahlung45.751,00 €
Leistung bei Kündigung29.430,61 €
Garantierte monatliche Gesamtrente (bei Beitragsfreistellung)168,80 €
Garantierte einmalige Kapitalzahlung (bei Beitragsfreistellung)37.383,00 €

Drei Szenarien für deine private Rentenversicherung

Auf Basis dieser Informationen können wir jetzt die drei Szenarien weiterlaufen lassen, beitragsfrei stellen und kündigen berechnen. Bei den Varianten beitragsfrei stellen und kündigen stecken wir die frei gewordenen 150 € sowie bei Kündigung zusätzlich den ausgezahlten Betrag in einen Welt-ETF mit einer angenommenen nominalen Rendite von 7%. Ja, der Welt-ETF darf hier nicht fehlen, sonst ist der Schwiegersohn unglücklich…

weiterführenbeitragsfreikündigen
Anzahl Monate484848
Rentenfaktor454530
Endwert RV  45.751,00 €  37.383,00 €                –   €
monatl. Rente RV       204,10 €       168,80 €                –   €
Endwert ETF                –   €8.281,39 €  47.190,24 €
monatl. Rente ETF                –   €24,84 €       141,57 €
Endwert (gesamt)  45.751,00 €  45.664,39 €  47.190,24 €
monatl. Rente gesamt       204,10 €       193,64 €         141,57 €

Sofern die monatliche Rente die ausschlaggebende Größe ist, scheint die Sache eindeutig. Die beste Option ist die Weiterführung der privaten Rentenversicherung. Bei der Kapitalzahlung wäre rein rechnerisch die Option Kündigen lukrativer. Da der Zeitraum aber nur 4 Jahre beträgt und ein ETF Schwankungen unterworfen ist, ist die Sicherheit dieses Betrags nicht gewährleistet. Die allgemeine Empfehlung kann hier also nur lauten: Weiterführen.

Aber wie kann das sein? Die private Rentenversicherung kann doch unmöglich einen Welt-ETF schlagen. Blasphemie, Manipulation der Finanzindustrie, Fake-Infos?

Zunächst einmal hat die private Rentenversicherung bezogen auf die heutigen Verhältnisse eine recht ordentliche Gesamtrendite von 2,3% pro Jahr. 2003 war die Welt zinstechnisch noch in Ordnung und davon profitiert der Vertrag. Hier ist es auch völlig egal, dass mit einer alternativen Anlage in z.B. ETFs eine höhere Rendite erreicht werden konnte. Das sind versunkene Kosten und der Blick gehört hier nach vorne gerichtet.

Der zweite positive Faktor ist der Rentenfaktor. Einen Rentenfaktor von 45 würde man heutzutage nicht mehr bekommen. Der aktuelle Rentenfaktor bei einer Sofortrente liegt aktuell zwischen 30 und 33. Durch die Erhöhung der Lebenserwartung werden diese Rentenfaktoren in Zukunft tendenziell sinken.

Da der Vertrag nur noch 4 Jahre läuft, kann der Zinseszins-Effekt bei einer alternativen Einzahlung in einen ETF nicht mehr wirken.

Gabi ist also gut beraten den Vertrag weiterzuführen. Sollte Gabi eine Zeitkapsel finden und ins Jahr 2003 reisen, dann könnte man Gabi nahelegen doch gleich in einen ETF zu investieren – dem Schwiegersohn zuliebe. Sollte sie allerdings den Börsen-Almanach dabei haben, dann lohnt sich sogar das aktive Investieren in die Gewinneraktien der letzten 17 Jahre…

Und was lernen wir daraus?

Nicht jeder Vertrag ist bezogen auf die heutigen Rahmenbedingungen schlecht und nicht immer ist die Antwort 42 (oder ETF). Als Daumenregel gilt nach wie vor, dass ab 15 Jahren Anlagezeitraum der Erwartungswert eines weltweit gestreuten ETFs von keinem aktiv anlegenden oder kostenintensiveren Produkt systematisch geschlagen werden kann. Ältere Verträge können sich in dem aktuell niedrigen Zinsumfeld aber bezüglich des Chancen-Risiko Verhältnisses rentieren. Wie immer muss die Situation individuell bewertet werden.

Beitragsfoto von Javier Allegue Barros on Unsplash

Der folgende Rechner kann dabei helfen eine Indikation zu bekommen, ob sich die Weiterführung der privaten Rentenversicherung bei dir lohnt.

Weitere Informationen zum Thema

Verbraucherzentrale: Standmitteilung: Versicherer informieren zu wenig über Verträge

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