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Aktive und passive Anlagestrategien – eine Symbiose

Die Anlagewelt spaltet sich in zwei scheinbar unvereinbare Anlagestrategien. Es gibt die Anhänger der aktiven Anlagestrategie. Diese Fraktion hat das Ziel, mit Können und klugen Entscheidungen den Markt zu schlagen. Die Fraktion der passiven Anleger begnügt sich dagegen einfach mit der Marktrendite und versucht erst gar nicht an dem Wettbewerb teilzunehmen. Bei einer näheren Betrachtung ist – wie wir später sehen werden – die klare Trennung dieser Strategien in der Praxis allerdings weit weniger ausgeprägt als man auf den ersten Blick denken könnte.

Um den Kontext in diesem Beitrag zu setzen, definieren wir zunächst einmal was wir unter aktiven und passiven Strategien verstehen. Es gibt zwei Aktivitäten, die gemeinhin eine aktive Strategie ausmachen:

Stock Picking (Wertpapierauswahl)

Der aktive Anleger versucht mit gezielter Auswahl von unterbewerteten Wertpapieren, die Titel auszuwählen die den höchsten zukünftigen Erwartungswert versprechen, um damit ein Überrendite zum Markt (Alpha) zu erreichen (z.B. durch Value Investing).

Der passive Anleger hingegen betreibt keine aktive Auswahl, sondern kauft einfach den gesamten Markt. Er setzt auf das Prinzip der „effizienten Märkte“ und versucht erst gar nicht eine Überrendite zu erreichen, sondern setzt voll und ganz auf die Marktrendite.

Market Timing (günstiger Zeitpunkt)

Der aktive Anleger versucht günstige Einstiegs- und Ausstiegspunkte zu finden, um von bestimmten Marktphasen zu profitieren bzw. durch ein aktives Risikomanagement (z.B. Value at Risk) Verluste zu minimieren.

Der passive Anleger investiert unabhängig von der Marktphase in den Markt, mit dem Ziel langfristig von der Marktrendite zu profitieren (Buy & Hold*). Er setzt darauf, dass sich die Märkte über einen längeren Zeittraum positiv entwickeln (Regression zu Mitte).

* Hinweis: Auch viele aktive Anleger setzen Buy & Hold als Anlagestrategie um. So investieren viele Value Investoren, mit dem Ziel unterbewertete Aktien günstig einzukaufen und von den zukünftig prognostizierten Gewinnen zu profitieren. Durch den günstigen Einkauf erhöhen sie die Eigenkapitalrendite für dieses Investment. Solange die prognostizierte Rendite über die anderer Anlageformen bleibt, halten sie dieses Investment in ihrem Portfolio.

Aktiv / Aktiv, Passiv / Passiv oder ein Kombination daraus

Oft werden Exchange Traded Funds (ETF) mit passiver Anlage verbunden. Dies ist aber nur die halbe Wahrheit, da man mit diesen Produkten wunderbar aktiv handeln kann.

Neben den eingesetzten Produkten muss also auch das eigene Verhalten berücksichtigt werden. Nutzt man Fonds* für die Umsetzung der persönlichen Strategie, dann kann man zwischen aktiv gemanagten und passiven Fonds wie z.B. ETFs unterscheiden. Die folgende Tabelle zeigt die Ausprägungen der Dimensionen „eigenes Handeln“ und „eingesetztes Produkt“:

Strategie / Produkt Aktiv Passiv
Aktiv Der Anleger setzt Stock Picking und/oder Market Timing mit aktiven Produkten wie z.B. aktiv gemanagte Fonds um. Der Anleger setzt „Stock“ Picking (hier z.B. in breiterer Form von Branchen, Regionen, Faktoren, etc.) und/oder Market Timing mit passiven Produkten wie z.B. ETFs um.
Passiv Der Anleger legt passiv (z.B. durch ein Sparplan und/oder mittels Buy & Hold) in ein aktiv gemangtes Produkt an. Der Anleger legt passiv mit passiven Produkten an (z.B. weltweite ETFs).

* Bei der Direktanlage von z.B. Aktien gibt es keine Unterscheidung zwischen aktiv und passiv auf Produktebene. Da man eben kein Produkt, sondern die direkte Anlageklasse erwirbt.

Die meisten Anleger handeln aktiv – auch wenn sie in passiven Produkten investieren. Dies hat vor allem zwei Gründe:

  1. Der Anleger bekommt von seinem Verkäufer oder von seinem Umfeld regelmäßig neue Produkte, Trends, Tipps und Strategien präsentiert und setzt dies durch Verkauf und Neukauf aktiv um. Beim sog. Window Dressing werden nur noch die Fonds beworben und empfohlen, die im zurückliegenden Zeitraum bei dem jeweiligen Anbieter die beste Rendite erreicht haben (nicht zwangsläufig eine bessere Rendite als der Markt). Das führt dazu, dass die bestehenden Fonds verkauft werden und die vermeindliche guten Fonds in Depot des Anlegers wandern. Natürlich mit einem saftigen Ausgabeaufschlag versehen.
  2. Der Anleger handelt irrational (Behavioral Finance) und unser sog. Affenhirn übernimmt die Kontrolle über unsere Anlageentscheidungen. (Dieses Verhalten trägt jeder von uns in sich; es ist allerdings individuell unterschiedlich ausgeprägt und den meisten ist es nicht bewusst)

Diese zwei Hauptgründe machen oft vermeidlich passive zu unbewusst aktiven Anlegern.

Die Vor- und Nachteile der aktiven und passiven Anlagestrategien

Was ist besser? iOS oder Android? Linux oder Windows? Mailand oder Madrid? Die klare Antwort: Kommt darauf an.

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die verschiedenen Aspekte der aktiven und passiven Anlagestrategie:

Aspekt Aktiv Passiv
Kosten Im Allgemeinen vom Zeit- und Kostenaufwand teurer. Wenig Zeit- und Kostenaufwand
Chance Es besteht die Chance, den Markt zu schlagen Man erhält – abzüglich von geringen Kosten – die Marktrendite. Über einen langen Zeitraum wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit unter den Top 20% der Martkteilnehmer landen.
Risiko Über 50% der aktiven Anleger werden den Markt nach Kosten nicht schlagen können Allgemeines Marktrisiko
Erwartungswert Es ist eine mathematische Notwendigkeit, dass alle aktive Anleger nach Kosten in Summe unter der Marktrendite bleiben müssen. Es wird rein statistisch eine Gruppe geben, die den Markt schlägt. Diese Gruppe ist aber im Vorhinein nicht systematisch ermittelbar. Marktrendite
Fun-Factor Aufregend und Herausfordernd Langweilig
Geeignet für Profis Einsteiger und Profis
Aufwand Von Vollzeit (z.B. Daytrading) bis moderat (Strategie nach festgelegten Kriterien; z.B. Leverman Strategie etc.)   Von sehr gering (eventuell jährliches Rebalancing) bis moderat

Ich verfolge die passive Anlagestrategie, daher bewerte ich die Vorteile dieser Strategie natürlicherweise höher. Ein wichtiger und meines Erachtens ausschlaggebender Faktor für die aktive Anlagestrategie ist die „sportliche“ Herausforderung besser zu sein als die anderen Marktteilnehmer. Für den Durchschnitt sind die meisten von uns nunmal nicht gemacht. Mathematisch steht für jeden Marktteilnehmer die Chance vor Kosten bei 50% den Markt zu schlagen. Nach Kosten und über einen längeren Zeitraum reduziert sich das je nach Markt und Anlageklasse auf weniger als 20%.

Ein weiterer Aspekt ist – wie bereits beschrieben – unser irrationales Verhalten. Dieser Beitrag entsteht zu dem Zeitpunkt wo der Coronavirus für Panik am Aktienmarkt sorgt. Viele werden in genau dieser Situation – gegen ihrer ursprünglichen Strategie – in Panik verkaufen und werden damit ungewollt zu aktiven Anlegern (hier dazu ein wie immer sehr unaufgeregter Dr. Andreas Beck bei der Mission Money zu den Marktmechanismen in einer Krise). Ich reagiere auf diese Situation indem ich mir sage, dass mich nicht interessiert wo heute die Aktien stehen, sondern – in meinem Fall – in 20 Jahren. Sollte der Coronavirus dort immer noch Thema sein ist der Aktienmarkt sicherlich mein kleinstes Problem…

Fazit

Die meisten passiven Anleger sind oder werden durch ihr Verhalten zu aktiven Anlegern. Ein Kritikpunkt an der passiven Anlagestrategie bzw. ETFs ist es dann auch, dass undifferenziert investiert wird, da entweder der gesamte Markt ge- oder verkauft wird. Dies verhindert – so die Kritiker – eine substantielle Preisbildung. Das wäre im Kern auch richtig, wenn die passiven Anleger deutlich in der Überzahl wären. Dies ist meines Erachtens aber aktuell nicht der Fall (siehe auch Kommer) und wird meiner Ansicht nach auch nicht (so schnell) eintreten. Trotzdem bedingen sich beide Strategien. Das passive Anlegen würde gar nicht funktionieren, wenn es keine aktiven Anleger geben würde und auch aktive Anleger nutzen Instrumente wie ETFs, um einfach und kostengünstig temporär in ganze Märkte zu investieren. Dazu kommt, dass die meisten aktiven Fonds sich sowieso an ihren jeweiligen Benchmarks (also der Markt) bewegen (Index-Hugging).

Wer also das Wissen, die Zeit und den Ehrgeiz hat den Markt zu schlagen der sollte auf die aktive Strategie setzen. Die unerfahrenen Anleger sollten aber folgendes beachten: Über 90% der Autofahrer (in Kanada scheinbar alle) denken, dass sie überdurchschnittliche gute Autofahrer sind. Mindestens 40% müssen sich hier irren. Dasselbe gilt für die Mehrheit der aktiven Anleger, nur dass sie zusätzlich noch die Kosten berücksichtigen müssen. Wenn du also nicht gerade eine Strategie entdeckt hast, die den Markt systematisch ausbeuten kann oder du keine Zeit und Lust hast dich intensiv mit Anlagestrategien zu beschäftigen, dann ist für dich möglicherweise eine passive Anlagestrategie das richtige Mittel, um vom weltweiten Wirtschaftswachstum und Produktivkapital zu profitieren.

An die aktiven Anleger gerichtet: Wir brauchen euch! Ihr macht die Preise und ermöglicht überhaupt erst die passive Anlagestrategie. Und ich auch ich finde es ehrlich gesagt nicht unattraktiv beim Spiel mitzuzspielen. In meinem Fall allerdings nur mit Geld, dass ich eher als Investition in mein Wissen begreife, da der Erwartungswert der Rendite für mich nicht attraktiv ist.

Auch für unerfahrene Anleger kann es sinnvoll sein einen kleinen Teil aktiv anzulegen – allein um bei Interesse ökonomische Wissen und Erfahrungen aufzubauen. Als Basisanlage und um eurer Lebensstil abzusichern und im Alter zu halten macht eine passive Strategie wie z.B. das 100k-Konzept aber hochgradig Sinn.

Weitere Informationen

Bücher
Dr. Gerd Kommer: Souverän investieren mit Indexfonds und ETFs

Blogs
Finanzblogroll („Die neuesten Beiträge der besten Finanzblogger“)
Gerd Kommer (passives Investieren mit ETFs)
Finanzwesir (steht eher für den passiven Ansatz)
Finanzrocker (steht eher für den aktiven Ansatz)

Beiträge
Dr. Gerd Kommer: Zehn Gründe, warum aktives Investieren schlecht funktioniert
Ginmon: Aktiv oder passiv Investieren?
Unlocked-Life: Aktives Investieren – starke Gründe dafür

Podcast
Der Finanzwesir rockt: Fonds-Manager-Duell: Indexing versus Stock-Picking

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Finanzfluss: Was ist passives Investieren ? – Passiver Vermögensaufbau einfach erkärt!

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